Ein Adventslied gegen Macht und Gewalt

Über die Jahrhunderte ist „Macht hoch die Tür“ zu einem ökumenischen Klassiker geworden. Im Evangelischen Gesangbuch trägt es die Nummer eins und markiert den Beginn des neuen Kirchenjahres und der Adventszeit. Einzug fand es auch in das katholische Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“.

Das Lied im schwingenden Dreiertakt trifft zum Jahresende bei vielen Menschen – ob fromm oder weniger fromm – einen besonderen Nerv. Es ergreift die Gefühle, schafft einen heilsamen Moment der Ruhe in einer unruhigen, krisengebeutelten Welt. Es drückt den Wunsch nach Frieden aus – und die Hoffnung auf einen Heiland, der gewaltlos alles gut werden lässt. Jeder kann das Lied singen, summen oder brummen, es schafft Gemeinschaft: in der Kirche beim Gemeindegesang oder beim weihnachtlichen Familiensingen unterm Christbaum. In vielen Chören und Instrumentalgruppen gehört es zum festen Programm.

Dem Psalmtext, den Liederdichter Weissel wählte, liege die Tor-Liturgie im alten Israel zugrunde, erklärt Jeffrey Myers, der frühere Frankfurter und Wiesbadener evangelische Citykirchenpfarrer. Demnach stellten sich die Juden den symbolischen Einzug Gottes in den Jerusalemer Tempel wie den Triumphzug eines Feldherrn vor. Der Reformator Martin Luther (1483-1546) übersetzte den Psalmtext in eine kraftvolle deutsche Sprache. Darin macht er deutlich, dass Christus nur dann zu den Menschen kommen könne, wenn sie alles öffneten, was sie verschlossen hätten. Der Königsberger Kantor Johann Stobäus schrieb zu Weissels Text einen fünfstimmigen Chorsatz.

Das Lied, das 1642 erstmals gedruckt wurde, dokumentiert auch die Frömmigkeitspraxis der Barockzeit. Das Individuum, das „Ich“ rückt nun gegenüber der Kirchengemeinde in den Mittelpunkt: Der Mensch richtet sich direkt an Gott, durchdrungen vom Glauben an ihn. „Komm, o mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist“, heißt es in der fünften und letzten Strophe.

Erst 70 Jahre nach Weissels Tod wurde sein schlichtes und durch die Reimpaare einprägsames Lied populär: Der pietistische Theologe, Liederdichter und -sammler Johann Anastasius Freylinghausen (1670-1739) nahm es 1704 in sein „Geistreiches Gesang-Buch“ auf. Er stellte die Melodie eines unbekannten Verfassers dazu, das die erste Vertonung bald vergessen ließ. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde „Macht hoch die Tür“ in andere evangelische Gesangbücher aufgenommen. Übersetzungen gab es zunächst ins Englische und Dänische.

Besonders wichtig sei es, dass das Lied die übliche Vorstellung von „oben“ und „unten“ umstürze, erklärt Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). „Denn der König, der hier empfangen wird, herrscht nicht mit Macht und Gewalt“, sagt Claussen: „Sanftmütigkeit ist sein Gefährt“.

„Macht hoch die Tür“ sei auch mit Blick auf die Kriege in Nahost und in der Ukraine hochaktuell, urteilt der Frankfurter Theologe Myers. Es sei eine Anfrage an die demokratische Gesellschaft, „welche Türen der Hoffnung und Barmherzigkeit und welche Tore der humanitären Hilfe und Versöhnung“ auf dem Weg zu Gott hoch und weit gemacht werden sollten.

Für den pfälzischen Landeskirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald ist es kein Wunder, dass „Macht hoch die Tür“ ein „Allzeithit“ ist. Das Lied transportiere wie fast kein zweites Hoffnung und Trost in der dunklen Zeit, sagt der Kirchenmusiker. Und es sei unverwüstlich: „Gesungen, geflötet, geblasen, verjazzt, selbst im süßlichen Weihnachtskitsch-Arrangement findet es den Weg in die Herzen. Ganz bestimmt auch 2023.“

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( https://www.ekd.de/rss/editorials.xml?)
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Dieser Beitrag verfällt am 27. Mai 2024.

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