Mit Klara und Marie*

*Am Gründonnerstag 2015 ist Klara Walz, die jüngere der beiden “Schwestern von der Albmühle”,  in einem Pflegeheim in Burladingen gestorben. Am Ostersonntag wäre sie 91 Jahre alt geworden. Zum Gedenken an sie, aber auch zur Erinnerung an Marie Walz,  die schon seit vielen Jahren tot ist, wird hier ein Beitrag aus dem Mai 2010 noch einmal veröffentlicht: “Mit Klara und Marie”.

„Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht.“ Was für ein schöner Satz! Und was für ein schöner Dokumentarfilm! Leider gibt es ihn nirgendwo mehr zu kaufen und im Fernsehen läuft er nur noch selten: „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht – Die Schwestern von der Albmühle“. Ob es ihn deshalb nicht mehr gibt, weil die Zeit, die er abbildet, fast schon versunken ist? Vielleicht.

In der Albmühle jedenfalls wohnt niemand mehr. An der Haustür steht in verwischter Kreide: „C+M+B. Anno 2008.“ Das letzte Mal, dass die Sternsinger da gewesen sind. Seit Jahren schon liegt Marie Walz auf dem Friedhof von Stetten unterm Holstein begraben. Es ist hier, dass wir erfahren: Klara, die jüngere Schwester, ist jetzt im Altersheim.

Klara, die Sägmüllerin, unverheiratet wie Marie. Klara, deren Idiom man sogar für Schwaben untertiteln muss. Klara, die ihr Gebiss nur zum Kirchgang trägt. Klara, auf deren Kommando gestandene Mannsbilder ohne Murren hören. Klara, die „voma kromma Stamm grade Britter“ machen kann. Klara, die noch ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg auf die Rückkehr des vermissten Bruders hofft. Und Klara, die am Ende des Films und irgendwie auch gegen Ende eines nicht einfachen Lebens ihr Schicksal dem Himmel anbefiehlt: „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht.“ Mit Klara und Marie.

Ein Hauch von diesem Gottvertrauen scheint uns zu streifen, als wir uns von Hörschwag – Marie hat dort immer die Messe besucht – zur Mühle aufmachen. Aber vielleicht bilden wir uns das ja auch nur ein. Dort jedenfalls regt sich nichts mehr – und schon gar kein Wasserrad, auch wenn die Lauchert die Mühle wie eh und je umfließt und danach zeitlos durchs Tal sich schlängelt. Die Gebäude abgesperrt, der Putz am Bröckeln, das Sägwerk stillgelegt, der Waschkessel hinterm Haus verschwunden. Da unter freiem Himmel hat Marie die Wäsche gewaschen, weil Strom gab’s in der Mühle keinen. „Zu teuer“, sagt Klara im Film.

Vor der Mühle die Holzbank aber ist noch da. Eigentlich wollten wir auf ihr neben Klara sitzen, so wie sie selbst mit ihrer Schwester darauf gesessen hat. Aber auch Klara ist jetzt ja weg. So setzen wir uns allein auf die Bank, schließen die Augen und fallen aus der Zeit. Statt Gegenwart Vergangenheit. Traurig macht’s Muh aus dem Stall, wo Gretel, die Kuh, den geschlachteten Hahn vermisst. Die Hühner picken hierhin und dorthin. Eine Katze streift durch den Schnee und verschwindet hinter dem Holz. Überm Küchentisch flackert die Lampe, 110 Volt, von Wasserkraft erzeugt. Wir lesen in Gedanken das Schild, das irgendwo noch hängen muss: „Nur jener ist ein rechter Mann, der mit der Klara sägen kann.“ Und wir summen mit – mit Klara auf der Wallfahrt nach Maria Vesperbild und mit Marie, die – „do ben i au scho g’wea“ – jetzt abends am liebsten zuhause ist: „O Maria, hilf!“ Hängen auch sonst noch der einen oder anderen Filmszene nach, sagen nichts und spüren, wie, was einmal gelebtes Leben war, nun auch in uns versinkt.

Der Besuch an der Albmühle gerät uns ein bisschen zu einem heiligen Moment. Dann trennen wir uns und setzen uns ein paar Steinwürfe entfernt zum Vesper ins Gras. Vor uns die Lauchert. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. Über allem aber schwebt und ist doch nur von uns zu hören Franz Schubert. Eine Kollegin hat die Filmmusik mitgebracht: das Adagio aus dem Streichquintett in C-Dur. Hin zur Mühle blühen Schlüsselblumen.

Ach ja, auf dem Friedhof von Stetten sagt man uns noch, Klara sei traurig, dass sie jetzt im Altersheim sein müsse. Nicht traurig sein, Klara! Du und deine Schwester, ihr habt uns und vielen anderen vieles gegeben. Mit eurer Bescheidenheit und Zufriedenheit. Mit eurer Gelassenheit. Mit eurem „Hauptsache, man ist gesund“ und „I schaff am liebsta da ganza Tag“. Und mit eurem Gottvertrauen. Und das vor allem ist es doch, was wirklich zählt – auch in unserer Zeit, in die hinein die eure jetzt versinkt: „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht.“ Mit Klara und Marie und auch mit uns.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?

Und meinen Sie nicht auch, dass es den Film unbedingt wieder zu kaufen geben müsste, wenn er schon nur noch selten im Fernsehen kommt?

Quelle: Koch meint… ( http://kochmeint.wordpress.com/feed/)
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