Eine wunderbare Freundschaft

Koch meint…

Am Beginn dieser wunderbaren Freundschaft bin ich Gemeindepfarrer gewesen, du warst unser Kirchenpfleger, und das Stuttgarter Stadion hat noch Neckarstadion geheißen. Heute gehen wir ein letztes Mal zusammen zum VfB – du als unruhiger Ruheständler, ich als lang gedienter Rundfunkpfarrer, und dein und mein Platz sind in der Untertürkheimer Kurve der Mercedes-Benz Arena. Wobei Block 80B, Reihe 13 nur über eine Vielzahl von Treppenstufen zu erreichen ist. Die deine Knie so wenig mehr mögen wie den engen Abstand zwischen Platz 21 und der Betonbrüstung davor. Weshalb heute nicht nur eine weitere Saison der Fußball-Bundesliga, sondern auch diese wunderbare Stadionfreundschaft zu Ende geht. Leider. Bin mal gespannt, wer in der nächsten Spielzeit deine Dauerkarte hat.

Wie viele Spiele wir miteinander angeschaut haben? Keiner von uns hat mitgezählt. Und auch nicht die ein, zwei, drei, vier Pils, die wir vor den Spielen im Cannstatter „Pfiff“ zu trinken pflegten. Weil Schnitzel mit oder ohne Pommes durstig macht. Und weil mit ein, zwei, drei, vier Pils sich auch noch eine Niederlage wie ein Sieg anfühlt. Wobei der „Pfiff“ in all den Jahren derselbe geblieben, das Stadion aber zwischendurch auch mal das Daimler-Stadion gewesen ist. Das wir, oft baustellenbedingt, von einer Seite zur andern „durchgemacht“ und wo wir in unserem Lieblingsblock X Erich kennengelernt haben, der seither zu uns dazugehört. Aber nur im Stadion, nicht im „Pfiff“.

Apropos Namen: Den „Wasen-Karle“ Allgöwer, den „Diego“ Buchwald, den „Klinsi“ und so, die hast du doch auch alle noch miterlebt, oder nicht? Genauso wie das „magische Dreieck“ aus den späteren Glanzzeiten des VfB. Von denen es in all den Jahren leider viel zu wenige gegeben hat. Aber immer hast du allen alles verziehen. Nur einem nicht, und zwar nicht einmal seine bloße Existenz: dem „Fritzle“. Weil ein Krokodil für dich das denkbar doofste Maskottchen für einen Fußballverein vom Neckar ist. Und noch etwas hat dich immer tierisch aufgeregt: wenn wir – Gott hab diese Zeiten selig! – nach einem „Knipser“ suchen mussten. Womit freilich kein Dieter Hoeneß oder Fritze Walter, sondern einer jener zangenbewehrten Einlasskontrolleure gemeint war, der unsere Dauerkarten entwerten sollte. Eine inzwischen ausgestorbene, aber auch damals schon seltene Rasse und nach ein, zwei, drei, vier Pils in der Tat nur sehr schwer aufzufinden.

Anders als ich bist Du übrigens mit dem VfB sogar einmal deutscher Meister geworden, und zwar anno 2007. Als ich beim entscheidenden Spiel gegen Cottbus nicht ins Stadion konnte, sondern mit einer gemeinderätlichen Delegation bei Kohler im amerikanischen Sheboygan Duschkabinen und Kloschüsseln angucken musste. Währenddessen hat deine Frau auf meinem Dauerkartenplatz gesessen und wahrscheinlich „We Are the Champions“ gesungen.

Trotzdem ist das mit dir eine wunderbare Freundschaft gewesen, auch wenn du in anderen Verhinderungsfällen von mir immer den Kramer mitgenommen hast. Nichts gegen ihn persönlich und schon gar nichts dagegen, dass er Krankenhausseelsorger ist. Aber musste es denn unbedingt ein katholischer sein?

Und damit genug, weil ich mich ja so langsam fertig machen muss! Denn nachher gehen wir noch einmal miteinander zum VfB. Und vorher aufs Frühlingsfest. Wo du es dir ja maß-voll überlegen kannst, ob du nicht doch noch eine Saison dranhängen willst. Wenn aber nicht – nun, dann werden wir dich vermissen, und zwar sehr. Wir, das sind Erich, Susanne, die beiden Jungs, ihr neuer Lover aus Beuren und vor allem ich. Wobei wir beide natürlich trotzdem Freunde bleiben. Auch wenn die Knie nicht mehr so mittun wie früher. Aber das ist bei uns Fußballern halt mal so.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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